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Testosteronmangel bei Frauen: warum es keinen klaren Grenzwert gibt

Müdigkeit, Lustlosigkeit, Stimmungstiefs: Was einem Testosteronmangel bei Frauen zugeschrieben wird, warum es keinen unteren Grenzwert gibt, wie unzuverlässig die Messung ist und wofür Testosteron belegt ist.

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Worum es in diesem Ratgeber geht

Müdigkeit, Lustlosigkeit, Stimmungstiefs: Was einem Testosteronmangel bei Frauen zugeschrieben wird, warum es keinen unteren Grenzwert gibt, wie unzuverlässig die Messung ist und wofür Testosteron belegt ist. Das hier ist eine informative Einordnung, keine medizinische Beratung und kein Ersatz für das Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Wir benennen offen, was die Studienlage zeigt, und was nicht.

Die kurze Antwort

Beim Mann ist ein Testosteronmangel ein klar umrissenes Krankheitsbild: passende Beschwerden und ein Wert, der bei zwei Messungen am Morgen eindeutig niedrig liegt. Bei Frauen gibt es dieses Gegenstück nicht. Die Endocrine Society rät ausdrücklich davon ab, bei gesunden Frauen ein Androgenmangelsyndrom zu diagnostizieren, weil kein klar definiertes Syndrom existiert und Daten fehlen, die bestimmte Beschwerden mit bestimmten Werten verbinden.

Belegt ist eine Anwendung von Testosteron bei Frauen trotzdem, aber nur eine: bei Frauen nach den Wechseljahren mit einer krankheitswertigen Lustlosigkeit, die in der Fachsprache Störung mit verminderter sexueller Appetenz heißt, kurz HSDD. Für Müdigkeit, Stimmung, Gedächtnis, Knochen oder Muskeln zeigen die Studien keinen Nutzen.

Welche Werte bei Frauen als normal gelten, steht in unserem Beitrag zu Testosteron bei der Frau. Wie erhöhte Werte bei einem PCO-Syndrom behandelt werden, erklärt der Text zum Thema Testosteron senken bei Frauen.

Welche Beschwerden zugeschrieben werden und was Studien zeigen

In Ratgebern und Foren werden Frauen mit niedrigem Testosteron meist dieselben Beschwerden zugeschrieben: wenig Lust auf Sex, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung, Konzentrationsprobleme und nachlassende Muskelkraft. Das Problem dieser Liste ist, dass sie auf sehr viele Ursachen passt, von Schlafmangel und Eisenmangel über eine Schilddrüsenunterfunktion bis zu Depression und Belastung im Alltag.

Ob die Beschwerden mit dem Hormon zusammenhängen, wurde in Australien an 1423 zufällig ausgewählten Frauen zwischen 18 und 75 Jahren untersucht. In der Auswertung von 1021 Frauen fand sich kein klinisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen einem niedrigen Wert für Gesamt- oder freies Testosteron und einer niedrigen Punktzahl in irgendeinem Bereich der Sexualfunktion. Die Autorinnen schließen, dass kein einzelner Androgenwert eine geringe sexuelle Funktion vorhersagt.

Auch die Behandlungsstudien sprechen gegen die lange Liste. Das internationale Konsenspapier von 2019 stützt sich auf eine Metaanalyse von 36 randomisierten Studien mit 8480 Teilnehmerinnen. Danach hat Testosteron keinen Effekt auf das allgemeine Wohlbefinden, keinen belegten Effekt auf eine gedrückte Stimmung, keinen Effekt auf die Knochendichte nach zwölf Monaten und keinen signifikanten Effekt auf Muskelmasse oder Kraft. Für das Denkvermögen reichen die Daten nicht aus.

Ergebnisse der Studien zu Testosteron bei Frauen nach den Wechseljahren: sexuelles Verlangen verbessert, allgemeines Wohlbefinden ohne Effekt, gedrückte Stimmung ohne belegten Effekt, Knochendichte nach zwölf Monaten ohne Effekt, Muskelmasse und Kraft ohne signifikanten Effekt, für Gedächtnis und Denken reichen die Daten nicht.
Von den Beschwerden, die einem niedrigen Testosteron zugeschrieben werden, spricht nur die Lustlosigkeit auf eine Behandlung an.

Warum es keinen unteren Grenzwert gibt

Laborwerte für Frauen werden meist als Referenzbereich angegeben. Eine Studie aus Vorpommern hat solche Bereiche mit Massenspektrometrie an 985 Frauen zwischen 20 und 80 Jahren bestimmt. Über alle Altersgruppen lag das Gesamttestosteron zwischen 0,35 und 1,97 nmol/l, und die Werte sanken mit jedem Lebensjahrzehnt deutlich.

Die untere Grenze eines solchen Bereichs ist eine statistische Größe. Sie markiert, wo die niedrigsten 2,5 Prozent gesunder Frauen liegen, nicht ab welchem Wert Beschwerden beginnen. Das Konsenspapier formuliert es deutlich: Für kein im Blut gemessenes Androgen lässt sich ein Grenzwert angeben, der Frauen mit und ohne sexuelle Funktionsstörung unterscheidet. Ein Gesamttestosteron im Blut soll deshalb nicht zur Diagnose einer HSDD verwendet werden.

Hinzu kommt, dass die Werte mit dem Alter sinken. Ein Befund, der für eine 30-Jährige niedrig wäre, kann für eine 70-Jährige im üblichen Bereich liegen. Die Endocrine Society hält deshalb fest, dass erst bessere Messverfahren erlauben werden, Normalbereiche über das ganze Leben neu zu bestimmen.

Auch für die Behandlung spielt der Ausgangswert keine Rolle. Nach der Leitlinie der Endocrine Society sagte der eigene Testosteronspiegel in den Studien nicht voraus, welche Frauen auf eine Behandlung ansprechen.

Warum die Messung bei Frauen so unzuverlässig ist

Frauen haben nur einen Bruchteil der Testosteronmenge eines Mannes im Blut, nach einer französischen Vergleichsstudie werden Werte unter 1,7 nmol/l erwartet. In diesem niedrigen Bereich stoßen viele Laborverfahren an ihre Grenzen. Die meisten Routinelabore arbeiten mit Immunoassays, also Tests, bei denen Antikörper das Hormon erkennen. Genauer ist die Massenspektrometrie, meist als LC-MS/MS bezeichnet, die das Molekül über seine Masse bestimmt.

Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt diese Studie von 2003. Sie maß Proben von Männern, Frauen und Kindern mit zehn Immunoassays und mit Massenspektrometrie. Bei Frauen überschätzten sieben der zehn Immunoassays den Wert, im Mittel um 46 Prozent. Keiner der getesteten Immunoassays war nach dem Urteil der Autoren zuverlässig genug für Proben von Frauen und Kindern.

Das Konsenspapier von 2019 bewertet direkte Messverfahren im weiblichen Bereich als hochgradig unzuverlässig und empfiehlt die Massenspektrometrie. Ein direkter Test ist danach nur dafür geeignet, sehr hohe Ausgangswerte oder überhöhte Werte unter einer Behandlung zu erkennen. Wer einen niedrigen Befund in der Hand hält, sollte also auch fragen, mit welchem Verfahren er entstanden ist.

Wechseljahre und Entfernung der Eierstöcke

Oft wird angenommen, dass das Testosteron mit den Wechseljahren abstürzt. Die australische Bevölkerungsstudie fand etwas anderes. Die Werte sanken mit dem Alter steil, am stärksten in den frühen Erwachsenenjahren. Bei Frauen zwischen 45 und 54 Jahren hatte der Eintritt der Menopause aber keinen eigenen Einfluss auf die Androgenwerte. Die Eierstöcke scheinen auch nach den Wechseljahren weiter Testosteron zu bilden.

Anders ist es nach einer operativen Entfernung beider Eierstöcke, der sogenannten chirurgischen Menopause. Frauen ab 55 Jahren, bei denen beide Eierstöcke entfernt worden waren und die keine Hormone einnahmen, hatten deutlich niedrigere Werte für Gesamt- und freies Testosteron als gleichaltrige Frauen ohne diesen Eingriff.

Ein niedriger Wert allein ist aber noch kein Grund für eine Behandlung. Die Endocrine Society rät davon ab, Frauen mit niedrigen Androgenwerten nach Entfernung der Eierstöcke, bei Nebenniereninsuffizienz, bei einer Unterfunktion der Hirnanhangdrüse oder unter Kortison routinemäßig Testosteron zu verordnen. Die Begründung: Es gibt nur wenige Daten zu einer Besserung der Beschwerden und keine Langzeitstudien zu den Risiken.

Die einzige belegte Anwendung

Das Konsenspapier von 2019 wurde von elf Fachgesellschaften getragen, darunter die Internationale Menopause-Gesellschaft und die Endocrine Society. Es nennt als einzige evidenzbasierte Indikation die Behandlung von Frauen nach den Wechseljahren, bei denen nach einer umfassenden körperlichen, psychischen und partnerschaftlichen Abklärung eine HSDD festgestellt wurde.

Der Effekt ist messbar, aber moderat. Im Mittel kam es zu etwa einem zusätzlichen befriedigenden sexuellen Erlebnis pro Monat im Vergleich zu Placebo, dazu zu Verbesserungen bei Verlangen, Erregung, Orgasmus und weniger Leidensdruck. Als Nebenwirkungen traten häufiger Akne und vermehrter Haarwuchs auf. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden nicht beobachtet, wobei Frauen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko nicht in die Studien aufgenommen wurden. Sicherheitsdaten liegen nur für bis zu 24 Monate vor.

Für Frauen vor den Wechseljahren reichen die Daten nach dem Konsenspapier für keine Empfehlung aus. Abgeraten wird von Zubereitungen, die Werte oberhalb des natürlichen weiblichen Bereichs erzeugen, ausdrücklich auch von Spritzen und Implantaten. Testosteron zum Einnehmen wird wegen ungünstiger Blutfettwerte nicht empfohlen. Bringt ein Behandlungsversuch nach sechs Monaten keinen Nutzen, soll er beendet werden.

Was in Deutschland zugelassen ist

Ein Testosteronpräparat speziell für Frauen gab es in der EU nur einmal. Das Pflaster Intrinsa wurde 2006 für Frauen mit HSDD zugelassen, denen Eierstöcke und Gebärmutter entfernt worden waren und die zugleich Östrogen erhielten. Im Mai 2012 wurde die Zulassung auf Wunsch des Herstellers zurückgenommen.

Die deutsche S3-Leitlinie zu Peri- und Postmenopause sieht vor, Frauen mit Libidoverlust nach einer psychosexuellen Abklärung eine Testosteronbehandlung anzubieten, wenn eine Hormonersatztherapie nicht ausgereicht hat. Sie verlangt zugleich, die Frauen darüber aufzuklären, dass es sich um einen Off-Label-Gebrauch handelt, also um die Anwendung außerhalb der Zulassung eines Arzneimittels.

Ob ein solcher Versuch sinnvoll ist, gehört in eine gynäkologische oder endokrinologische Praxis. Rezeptfreie Präparate, die einen Hormoneffekt für Frauen versprechen, sind dafür kein Ersatz.

Häufige Fragen

Gibt es einen Testosteronmangel bei Frauen?

Nicht als klar definierte Diagnose. Die Endocrine Society rät davon ab, bei gesunden Frauen ein Androgenmangelsyndrom zu diagnostizieren, weil kein einheitliches Krankheitsbild existiert und Daten fehlen, die Beschwerden mit bestimmten Werten verbinden.

Ab welchem Wert ist das Testosteron bei Frauen zu niedrig?

Einen solchen Grenzwert gibt es nicht. Referenzbereiche beschreiben, wo gesunde Frauen liegen, in einer deutschen Studie mit Massenspektrometrie 0,35 bis 1,97 nmol/l. Nach dem internationalen Konsenspapier von 2019 trennt kein Androgenwert Frauen mit und ohne sexuelle Funktionsstörung.

Sinkt das Testosteron in den Wechseljahren?

Es sinkt vor allem mit dem Alter, am stärksten in den frühen Erwachsenenjahren. In einer Studie mit 1423 Frauen hatte die natürliche Menopause keinen eigenen Einfluss. Nach Entfernung beider Eierstöcke lagen die Werte dagegen deutlich niedriger.

Hilft Testosteron Frauen gegen Müdigkeit oder Stimmungstiefs?

Nach der Studienlage nicht. Das Konsenspapier von 2019 fand keinen Effekt auf das allgemeine Wohlbefinden und keinen belegten Effekt auf eine gedrückte Stimmung. Belegt ist nur eine moderate Wirkung auf die Lust bei Frauen nach den Wechseljahren mit HSDD.

Warum ist der Laborwert bei Frauen oft ungenau?

Weil Frauen sehr wenig Testosteron im Blut haben und viele Routinetests in diesem Bereich ungenau messen. In einer Vergleichsstudie überschätzten sieben von zehn Immunoassays die Werte von Frauen im Mittel um 46 Prozent. Genauer ist die Massenspektrometrie.

Gibt es in Deutschland ein Testosteronpräparat für Frauen?

Ein speziell für Frauen zugelassenes Präparat gibt es in der EU seit der Rücknahme der Zulassung des Pflasters Intrinsa im Jahr 2012 nicht mehr. Die deutsche S3-Leitlinie spricht bei einer Behandlung von Frauen von einem Off-Label-Gebrauch, über den aufgeklärt werden muss.

Quellen

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Keine medizinische Beratung. Die Inhalte auf Testo-Journal dienen ausschließlich der Information. Konsultieren Sie immer Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, bevor Sie ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen oder bei anhaltenden Beschwerden. Siehe unseren vollständigen medizinischen Hinweis.