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Testosteron richtig messen: Zeitpunkt, Methode, Fehlerquellen

Morgens, nüchtern, zweimal: Warum der Zeitpunkt der Blutabnahme über das Ergebnis entscheidet, welche Laborverfahren taugen und welche Messfehler den häufigsten Fehlbefund erzeugen.

Testosteron richtig messen: Zeitpunkt, Methode, Fehlerquellen
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Worum es in diesem Ratgeber geht

Morgens, nüchtern, zweimal: Warum der Zeitpunkt der Blutabnahme über das Ergebnis entscheidet, welche Laborverfahren taugen und welche Messfehler den häufigsten Fehlbefund erzeugen. Das hier ist eine informative Einordnung, keine medizinische Beratung und kein Ersatz für das Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Wir benennen offen, was die Studienlage zeigt, und was nicht.

Warum der Zeitpunkt fast alles entscheidet

Testosteron ist kein konstanter Wert. Es folgt einem Tagesrhythmus mit einem Gipfel in den frühen Morgenstunden und einem Tief am späten Nachmittag. Zwischen dem Höchst- und dem Tiefstwert desselben Mannes am selben Tag können mehrere nmol/l liegen. Bei jüngeren Männern ist dieser Rhythmus stärker ausgeprägt als bei älteren, aber vorhanden ist er bei fast jedem.

Daraus folgt der wichtigste praktische Satz zu diesem Thema: Eine Blutabnahme um 16 Uhr kann einen Mann mit völlig normaler Hormonlage in den Bereich eines vermeintlichen Mangels rutschen lassen. Umgekehrt liefert ein Nachmittagswert, der noch normal ist, keine echte Entwarnung. Fachgesellschaften empfehlen deshalb übereinstimmend die Abnahme am frühen Morgen, üblicherweise zwischen 7 und 10 oder 11 Uhr.

Zweiter Punkt: nüchtern. Eine Mahlzeit, besonders eine kohlenhydrat- oder glukosereiche, senkt den Testosteronwert vorübergehend messbar ab. Die Leitlinie der Endocrine Society empfiehlt die Bestimmung des Gesamt-Testosterons ausdrücklich am nüchternen Patienten am frühen Morgen.

Dritter Punkt, und der wird in der Praxis am häufigsten übergangen: Ein einzelner niedriger Wert reicht nicht für eine Diagnose. Die Empfehlung lautet, einen auffälligen Befund an einem zweiten Tag zu wiederholen, wieder morgens und nüchtern. Ein nennenswerter Teil der zunächst niedrigen Werte normalisiert sich bei der Kontrolle.

Wanduhr am frühen Morgen neben einem Blutentnahmeröhrchen auf einem Schreibtisch
Zwischen Morgengipfel und Nachmittagstief desselben Mannes liegen mehrere nmol/l. Der Termin entscheidet mit über den Befund.

Was gemessen wird und in welchen Einheiten

Der Standard-Einstieg ist das Gesamt-Testosteron. Es erfasst alles, was im Blut zirkuliert: den kleinen frei verfügbaren Anteil, den an Albumin locker gebundenen Anteil und den fest an das Bindungsprotein SHBG gebundenen Anteil.

In deutschen Laborbefunden steht der Wert meist in nmol/l, in internationaler Literatur und in vielen Heimtests dagegen in ng/dl. Das sorgt regelmäßig für Verwirrung, weil dieselbe Hormonmenge einmal als „15“ und einmal als „433“ auftaucht. Die Umrechnung ist einfach: ng/dl geteilt durch 28,84 ergibt nmol/l, und nmol/l mal 28,84 ergibt ng/dl. Ein Wert von 12 nmol/l entspricht also rund 346 ng/dl, ein Wert von 8 nmol/l rund 231 ng/dl.

Als grobe Orientierung gelten Werte oberhalb von etwa 12 nmol/l als unauffällig, der Bereich zwischen etwa 8 und 12 nmol/l als Graubereich und Werte unter etwa 8 nmol/l als deutlich niedrig. Diese Schwellen sind allerdings keine scharfen Grenzen, sondern Konventionen, und die Referenzbereiche unterscheiden sich zwischen Laboren. Maßgeblich ist immer der Referenzbereich, der auf Ihrem eigenen Befund steht.

Nicht jedes Laborverfahren ist gleich gut

Hier liegt ein Qualitätsunterschied, den kaum ein Patient kennt und der die Zahl auf dem Befund erheblich beeinflusst. Testosteron kann mit Immunoassays gemessen werden, das ist schnell und günstig und in der Breite üblich. Oder mit Massenspektrometrie nach vorheriger chromatografischer Trennung, kurz LC-MS/MS. Das ist aufwendiger und genauer, besonders im niedrigen Messbereich, also genau dort, wo die Diagnose entschieden wird.

Die Endocrine Society empfiehlt, Testosteron möglichst mit einem LC-MS/MS-Verfahren in einem Labor zu bestimmen, das an einem akkreditierten Ringversuch zur Richtigkeit teilnimmt. Für den Alltag heißt das nicht, dass ein Immunoassay-Befund wertlos wäre. Aber wenn ein Wert im Graubereich liegt und eine Therapieentscheidung davon abhängt, ist die Frage nach dem Verfahren berechtigt.

Ein deutlicher Warnhinweis gilt für Speicheltests. Sie werden gerne beworben, weil man kein Blut abnehmen muss. Für die Diagnostik eines Testosteronmangels sind sie nicht als gleichwertig anerkannt, und Fachgesellschaften stützen ihre Empfehlungen nicht darauf. Wer Klarheit will, kommt an einer Blutabnahme nicht vorbei.

Wann zusätzlich das freie Testosteron nötig ist

Das Gesamt-Testosteron kann in die Irre führen, wenn das Bindungsprotein SHBG aus dem Rahmen fällt. Steigt SHBG, wird mehr Hormon gebunden, der Gesamtwert sieht ordentlich aus, obwohl biologisch wenig verfügbar ist. Sinkt SHBG, fällt der Gesamtwert, obwohl der wirksame Anteil in Ordnung sein kann.

Genau das ist keine Randerscheinung. SHBG steigt mit dem Alter, bei Schilddrüsenüberfunktion, bei Lebererkrankungen und unter bestimmten Medikamenten. Es sinkt bei Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes, bei Schilddrüsenunterfunktion und unter Kortison. Ein übergewichtiger Mann mit niedrigem Gesamtwert ist damit ein Klassiker für einen Befund, der schlimmer aussieht, als er ist.

Die Empfehlung der Fachgesellschaften: Liegt das Gesamt-Testosteron nur knapp unter oder knapp über der unteren Normgrenze, oder besteht eine Konstellation, die SHBG verändert, soll zusätzlich das freie Testosteron bestimmt werden. Und zwar nicht mit einem direkten Schnelltest, sondern über die Gleichgewichtsdialyse oder rechnerisch aus Gesamt-Testosteron, SHBG und Albumin.

Die häufigsten Gründe für einen falschen Befund

Aus der Praxis lassen sich die typischen Fehlerquellen recht klar benennen. Der Klassiker ist der Nachmittagstermin, weil er in den Kalender passte. Der zweite ist die Einzelmessung ohne Kontrolle. Der dritte ist die Blutabnahme während oder kurz nach einer akuten Erkrankung: Ein fieberhafter Infekt, eine Operation oder eine schwere Belastung drückt den Testosteronspiegel vorübergehend, manchmal deutlich. Ein in dieser Phase gemessener Wert sagt über den Normalzustand wenig aus.

Ebenfalls relevant sind Medikamente. Opioide, systemische Kortisonpräparate, bestimmte Antiepileptika, Anabolika aus dem Graumarkt und manche Hormontherapien greifen unmittelbar in die Steuerung ein. Wer solche Substanzen einnimmt, sollte das vor der Messung ansprechen, sonst wird ein Medikamenteneffekt als Erkrankung interpretiert.

Und schließlich Schlafmangel. Ein erheblicher Teil der Testosteronproduktion ist an den Nachtschlaf gekoppelt. Nach mehreren kurzen Nächten liegt der Morgenwert messbar tiefer. Vor einer Diagnostik ein paar normale Nächte einzuplanen, ist keine Kosmetik, sondern verhindert eine Fehleinschätzung.

Heimtests: was sie können und was nicht

Testkits für zu Hause arbeiten meist mit Trockenblut aus der Fingerbeere oder mit Speichel. Die Probe wird eingeschickt und im Labor ausgewertet. Der praktische Vorteil ist offensichtlich: kein Termin, kein Wartezimmer, ein Ergebnis innerhalb weniger Tage.

Der Nutzen liegt vor allem im Screening. Ein deutlich auffälliger Heimtest ist ein guter Anlass, ärztlich weiter abzuklären. Was ein Heimtest nicht leistet: eine Diagnose. Dafür fehlen die Wiederholungsmessung, die Einordnung mit LH, FSH, SHBG und Prolaktin, und vor allem die ärztliche Bewertung im Zusammenhang mit den Beschwerden.

Wenn Sie einen Heimtest nutzen, holen Sie wenigstens die Rahmenbedingungen ein: morgens, nüchtern, ausgeschlafen, nicht während eines Infekts. Sonst messen Sie vor allem Ihren Tagesablauf. Und rechnen Sie damit, dass die Praxis den Wert ohnehin mit einer eigenen Abnahme bestätigen wird, bevor irgendetwas entschieden wird.

Was außer Testosteron noch bestimmt wird

Ein niedriger Testosteronwert allein sagt noch nicht, wo das Problem sitzt. Deshalb gehören zur Abklärung weitere Werte. LH und FSH zeigen, ob die Steuerung im Gehirn arbeitet: Sind sie hoch bei niedrigem Testosteron, liegt das Problem im Hoden, man spricht von einem primären Hypogonadismus. Sind sie niedrig oder normal bei niedrigem Testosteron, liegt es an der Steuerung, das ist der sekundäre Hypogonadismus.

Prolaktin gehört dazu, weil ein Prolaktin produzierender Tumor der Hirnanhangsdrüse eine behandelbare Ursache ist, die man nicht übersehen darf. SHBG braucht man für die Einordnung des freien Anteils. Häufig kommen Blutbild, Ferritin, Schilddrüsenwerte, Leberwerte, Nüchternglukose oder HbA1c dazu, weil sie Ursachen aufdecken, die sich hinter denselben Beschwerden verstecken.

Diese Reihenfolge ist der eigentliche Unterschied zwischen einer sauberen Abklärung und einem einzelnen Zahlenwert aus dem Internet. Sie führt nicht selten dazu, dass am Ende nicht Testosteron das Thema ist, sondern Schlafapnoe, ein Eisenmangel oder eine Schilddrüsenstörung.

Wo die Evidenz dünn wird

Bei aller Klarheit zu Zeitpunkt und Methode: Die Schwellenwerte selbst sind weniger hart, als Tabellen suggerieren. Die verbreiteten Grenzen von 12 und 8 nmol/l stammen aus Konsensempfehlungen, nicht aus einer Studie, die zeigt, dass unterhalb einer bestimmten Zahl jeder Mann Beschwerden bekommt. Es gibt Männer mit 9 nmol/l und keinerlei Symptomen und Männer mit 13 nmol/l und deutlichen Beschwerden.

Auch die Frage, ab welchem freien Testosteron behandelt werden sollte, ist nicht abschließend geklärt. Die Berechnungsformeln liefern je nach verwendetem Modell unterschiedliche Ergebnisse, und die Gleichgewichtsdialyse als Referenzverfahren ist außerhalb spezialisierter Labore selten verfügbar.

Das spricht nicht gegen das Messen. Es spricht dagegen, eine einzelne Zahl zum Urteil zu erheben. Der Laborwert ist ein Baustein neben den Beschwerden, dem Verlauf und den übrigen Befunden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Morgens und nüchtern. Testosteron folgt einem Tagesrhythmus mit Gipfel am frühen Morgen. Die Abnahme gehört zwischen etwa 7 und 11 Uhr und in den nüchternen Zustand, sonst misst man vor allem den Zeitpunkt.
  • Immer zweimal messen. Ein einzelner niedriger Wert ist keine Diagnose. Fachgesellschaften empfehlen die Wiederholung an einem zweiten Tag, wieder morgens und nüchtern. Ein Teil der auffälligen Werte normalisiert sich dabei.
  • Einheiten nicht verwechseln. Deutsche Befunde nutzen meist nmol/l, Heimtests und internationale Quellen oft ng/dl. Umrechnung: ng/dl geteilt durch 28,84 ergibt nmol/l. 12 nmol/l entsprechen rund 346 ng/dl.
  • Bei Grenzwerten zusätzlich das freie Testosteron. Wenn der Gesamtwert knapp an der Grenze liegt oder SHBG verändert ist, etwa bei Übergewicht, Diabetes oder Schilddrüsenstörung, ist die zusätzliche Bestimmung des freien Testosterons nötig.
  • Infekt, Schlafmangel und Medikamente verfälschen. Akute Erkrankungen, mehrere kurze Nächte, Opioide, Kortison und Anabolika drücken den Wert. Wer in so einer Phase misst, misst nicht seinen Normalzustand.

Häufige Fragen

Wann sollte man Testosteron messen lassen?

Am frühen Morgen, üblicherweise zwischen 7 und 11 Uhr, und nüchtern. Testosteron folgt einem Tagesrhythmus mit einem Gipfel in den Morgenstunden; eine Abnahme am Nachmittag kann einen normalen Mann rechnerisch in den Mangelbereich rutschen lassen.

Muss man für den Testosteronwert nüchtern sein?

Ja, das ist die Empfehlung. Eine Mahlzeit senkt den Wert vorübergehend messbar ab, besonders eine kohlenhydratreiche. Die Leitlinie der Endocrine Society nennt ausdrücklich die nüchterne Morgenmessung als Ausgangstest.

Reicht eine einzelne Messung?

Nein. Ein auffälliger Wert soll an einem zweiten Tag unter denselben Bedingungen wiederholt werden. Ein relevanter Teil der zunächst niedrigen Werte liegt bei der Kontrolle im Normbereich, weil Tagesform, Schlaf, Infekte oder der Zeitpunkt hineingespielt haben.

Wie rechne ich ng/dl in nmol/l um?

Teilen Sie den ng/dl-Wert durch 28,84. 300 ng/dl entsprechen also rund 10,4 nmol/l, 350 ng/dl rund 12,1 nmol/l und 600 ng/dl rund 20,8 nmol/l. Umgekehrt multiplizieren Sie nmol/l mit 28,84.

Sind Speicheltests für Testosteron zuverlässig?

Für eine Diagnose nicht. Speichelmessungen sind nicht als gleichwertig zur Blutbestimmung anerkannt, und Fachgesellschaften stützen ihre Empfehlungen nicht darauf. Für eine belastbare Einordnung führt kein Weg an einer Blutabnahme vorbei.

Was ist der Unterschied zwischen Immunoassay und LC-MS/MS?

Immunoassays sind schnell und verbreitet, im niedrigen Messbereich aber ungenauer. LC-MS/MS ist die genauere Referenzmethode und wird von der Endocrine Society bevorzugt empfohlen, idealerweise in einem Labor mit Ringversuchs-Zertifizierung. Bei Grenzbefunden lohnt die Nachfrage, welches Verfahren verwendet wurde.

Welche Werte werden außer Testosteron noch bestimmt?

In der Regel LH und FSH, um primären von sekundärem Hypogonadismus zu unterscheiden, außerdem SHBG für die Einordnung des freien Anteils und Prolaktin, um einen Tumor der Hirnanhangsdrüse nicht zu übersehen. Häufig kommen Blutbild, Ferritin, Schilddrüsen- und Leberwerte sowie HbA1c dazu.

Kann Schlafmangel den Testosteronwert senken?

Ja. Ein erheblicher Teil der Produktion ist an den Nachtschlaf gekoppelt, und nach mehreren kurzen Nächten liegt der Morgenwert messbar tiefer. Vor einer geplanten Diagnostik ein paar reguläre Nächte einzuhalten, verhindert einen Fehlbefund.

Quellen

Weiterlesen

Keine medizinische Beratung. Die Inhalte auf Testo-Journal dienen ausschließlich der Information. Konsultieren Sie immer Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, bevor Sie ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen oder bei anhaltenden Beschwerden. Siehe unseren vollständigen medizinischen Hinweis.