Testo-Journal.de
Therapie & Lebensstil

Nebenwirkungen der Testosterontherapie: die belastbaren Fakten

Von der Blutverdickung über Akne bis zur Herzfrage: Welche Nebenwirkungen einer Testosterontherapie wirklich belegt sind, was die große TRAVERSE-Studie 2023 ergeben hat und welche Kontrollen dazugehören.

Nebenwirkungen der Testosterontherapie: die belastbaren Fakten
Zuletzt geprüft am
Auf dieser Seite

Worum es in diesem Ratgeber geht

Von der Blutverdickung über Akne bis zur Herzfrage: Welche Nebenwirkungen einer Testosterontherapie wirklich belegt sind, was die große TRAVERSE-Studie 2023 ergeben hat und welche Kontrollen dazugehören. Das hier ist eine informative Einordnung, keine medizinische Beratung und kein Ersatz für das Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Wir benennen offen, was die Studienlage zeigt, und was nicht.

Die häufigste Nebenwirkung ist keine, an die man denkt

Wer an Nebenwirkungen einer Testosterontherapie denkt, denkt meist an Akne oder Aggressivität. Die relevanteste ist eine andere: die Verdickung des Blutes. Testosteron regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Der Hämatokrit, also der Anteil der festen Bestandteile am Blutvolumen, steigt unter Therapie bei einem erheblichen Teil der Männer an, bei manchen so weit, dass gehandelt werden muss.

Das ist kein Laborkosmetikproblem. Ein deutlich erhöhter Hämatokrit macht das Blut zähflüssiger und wird mit einem erhöhten Risiko für Gefäßverschlüsse in Verbindung gebracht. Deshalb steht die Hämatokrit-Kontrolle in allen Überwachungsschemata ganz vorn, üblicherweise vor Therapiebeginn, dann nach etwa drei bis sechs Monaten, nach zwölf Monaten und danach jährlich.

Wird ein kritischer Bereich erreicht, wird nicht einfach weitergemacht. Übliche Reaktionen sind Dosisreduktion, Wechsel des Präparats oder Verabreichungswegs, Pausieren oder in bestimmten Fällen ein Aderlass. Welche Schwelle im Einzelfall gilt und was daraus folgt, entscheidet die behandelnde Praxis.

Praktisch heißt das: Wer eine Testosterontherapie ohne regelmäßiges Blutbild bekommt, wird nicht ordentlich behandelt. Das ist der Punkt, an dem sich seriöse Behandlung von reiner Rezeptausstellung unterscheidet.

Was mit den Hoden passiert

Testosteron von außen schaltet über die Rückkopplung im Gehirn die eigene Produktion ab. Die Hoden bekommen keine Signale mehr und werden kleiner und weicher. Parallel bricht die Spermienbildung ein, bei vielen Männern bis auf null.

Das ist die vorhersehbarste aller Nebenwirkungen und gleichzeitig die, die am häufigsten zu spät angesprochen wird. Wer noch Kinder möchte, muss das vor Therapiebeginn klären, weil es dann Alternativen gibt, die die Hormonachse anstoßen statt abschalten. Wie stark die Fruchtbarkeit betroffen ist und wie lange die Erholung nach dem Absetzen dauert, steht ausführlich in unserem eigenen Beitrag dazu.

Die Hodenverkleinerung selbst bildet sich nach dem Absetzen in der Regel zurück, parallel zur wiederkehrenden Spermienproduktion.

Haut, Brust und Stimmung

Akne und fettige Haut gehören zu den häufigen und meist harmlosen Effekten, besonders in den ersten Monaten und nach Dosiserhöhungen. Sie sprechen in der Regel auf eine Dosisanpassung an.

Eine Brustdrüsenvergrößerung, medizinisch Gynäkomastie, entsteht, weil ein Teil des Testosterons im Körper zu Östradiol umgebaut wird. Verschiebt sich das Verhältnis, kann Brustdrüsengewebe wachsen. Das ist unangenehm, aber medizinisch meist unkritisch und ein klassischer Anlass, die Dosis zu überprüfen.

Zu Stimmung und Verhalten hält sich hartnäckig die Vorstellung, Testosterontherapie mache aggressiv. Für Ersatzdosierungen, also die Mengen, die einen Mangel ausgleichen, ist das so nicht belegt. Was in Studien vorkommt, sind Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen bei einem Teil der Behandelten. Etwas völlig anderes sind die um ein Vielfaches höheren Dosierungen im Missbrauchsbereich; deren psychische Effekte lassen sich nicht auf eine leitliniengerechte Therapie übertragen.

Bei einer bestehenden Schlafapnoe ist Vorsicht geboten. Es gibt Hinweise, dass eine Testosterontherapie sie verschlechtern kann. Wer nachts schnarcht, Atemaussetzer hat oder tagsüber unerklärlich müde ist, sollte das vor Therapiebeginn abklären lassen, zumal eine unbehandelte Schlafapnoe selbst den Testosteronspiegel senkt.

Die Herz-Kreislauf-Frage: was TRAVERSE 2023 ergeben hat

Über Jahre war unklar, ob eine Testosterontherapie das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht. Beobachtungsstudien widersprachen sich, Zulassungsbehörden gaben Warnhinweise heraus, und die Diskussion wurde teils sehr emotional geführt.

2023 wurde die bislang größte randomisierte Studie dazu veröffentlicht, TRAVERSE, im New England Journal of Medicine. Eingeschlossen waren 5.246 Männer zwischen 45 und 80 Jahren mit nachgewiesenem Testosteronmangel und entweder bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung oder hohem Risiko dafür. Sie erhielten über im Mittel 22 Monate entweder ein Testosterongel oder ein Placebogel.

Das Hauptergebnis: Bezogen auf schwere kardiovaskuläre Ereignisse war die Testosterontherapie dem Placebo nicht unterlegen. Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod ließ sich in dieser Population nicht nachweisen.

Das ist eine wichtige Entwarnung, aber keine vollständige. Denn in den Nebenbefunden traten in der Testosterongruppe bestimmte Ereignisse häufiger auf, darunter Vorhofflimmern und andere nicht tödliche Herzrhythmusstörungen sowie Lungenembolien und akutes Nierenversagen. Diese Befunde stammen aus sekundären Auswertungen und sind nicht so belastbar wie das Hauptergebnis, sie gehören aber ehrlicherweise dazu.

Und eine Einschränkung ist zentral: TRAVERSE hat Männer mit einem gesicherten Mangel untersucht, die leitliniengerecht auf einen Zielbereich eingestellt wurden. Auf Männer mit normalen Ausgangswerten, auf Hochdosisanwendung oder auf Präparate aus dem Graumarkt lässt sich das Ergebnis nicht übertragen.

Prostata und PSA

Lange galt die Sorge, eine Testosterontherapie könne Prostatakrebs auslösen. Diese pauschale Annahme ist in dieser Form nicht belegt. Was gilt: Besteht bereits ein Prostatakarzinom, kann Testosteron das Wachstum fördern, weshalb ein unbehandeltes Prostatakarzinom eine Gegenanzeige darstellt.

Praktisch bedeutet das nicht Verzicht, sondern Kontrolle. Vor Therapiebeginn gehören eine Einschätzung des Prostatakrebsrisikos und in der Regel eine PSA-Bestimmung dazu, danach Kontrollen im ersten Jahr und anschließend im Rahmen der üblichen Vorsorge. Ein auffälliger Anstieg führt zur urologischen Abklärung, nicht automatisch zum Abbruch.

Auch Beschwerden beim Wasserlassen bei gutartig vergrößerter Prostata gehören beobachtet, auch wenn die Datenlage hier weniger eindeutig ist als oft dargestellt.

Der Punkt, den Gel-Anwender übersehen

Bei Testosterongelen gibt es eine Nebenwirkung, die nicht den Anwender trifft, sondern sein Umfeld: die Übertragung durch Hautkontakt. Gelangt Gel von der behandelten Hautstelle auf eine andere Person, kann Testosteron aufgenommen werden. Bei Kindern kann das zu vorzeitiger Körperbehaarung, Wachstumsstörungen und weiteren Vermännlichungszeichen führen, bei Partnerinnen zu Akne und veränderter Behaarung.

Das ist kein theoretisches Risiko, sondern der Grund, warum die Fachinformationen dieser Präparate ausdrücklich davor warnen. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen sind: Hände nach dem Auftragen gründlich waschen, die behandelte Stelle nach dem Antrocknen mit Kleidung bedecken, vor engem Hautkontakt die Stelle abwaschen.

Wer kleine Kinder im Haushalt hat, sollte das aktiv ansprechen. In manchen Konstellationen ist eine andere Darreichungsform die einfachere Lösung.

Welche Kontrollen dazugehören

Eine Testosterontherapie ist keine Einstellung, die man einmal vornimmt und dann vergisst. Der übliche Rahmen umfasst eine Ausgangsuntersuchung mit Testosteronwert, Blutbild und Hämatokrit sowie PSA und Risikoeinschätzung für die Prostata, dazu die Frage nach Schlafapnoe und Kinderwunsch.

Danach folgen Kontrollen im ersten Jahr, typischerweise nach etwa drei bis sechs Monaten und nach zwölf Monaten, anschließend jährlich. Kontrolliert werden der Testosteronspiegel zur Überprüfung, ob die Einstellung im Zielbereich liegt, der Hämatokrit und das PSA sowie das Ansprechen der Beschwerden.

Der letzte Punkt wird gerne vergessen: Wenn sich die Symptome, wegen derer behandelt wurde, nach einigen Monaten im Zielbereich nicht bessern, ist das ein Grund, die Diagnose zu überprüfen, und nicht automatisch ein Grund, die Dosis zu erhöhen.

Leerer Kontrollbogen, Stethoskop und Blutprobenröhrchen auf einem Schreibtisch
Ohne regelmäßige Kontrolle von Hämatokrit, PSA und Testosteronspiegel ist eine Testosterontherapie keine Behandlung, sondern nur eine Verordnung.

Was offen bleibt

Trotz TRAVERSE ist die Langzeitsicherheit über viele Jahre nicht abschließend geklärt. Die Studie lief im Mittel 22 Monate. Für Männer, die eine Therapie über zwanzig oder dreißig Jahre führen, gibt es keine vergleichbar belastbaren Daten.

Die Nebenbefunde zu Vorhofflimmern, Lungenembolie und akutem Nierenversagen sind ungeklärt. Sie können Zufallsbefunde sein, wie sie bei vielen ausgewerteten Endpunkten vorkommen, oder ein echtes Signal. Weitere Studien müssen das klären.

Und für Männer, die Testosteron ohne nachgewiesenen Mangel anwenden, etwa zur Leistungssteigerung oder aus Anti-Aging-Motiven, existiert schlicht keine belastbare Sicherheitsevidenz. Die vorhandenen Studien wurden an Männern mit Mangel durchgeführt. Wer die Ergebnisse auf sich überträgt, obwohl seine Werte normal sind, überdehnt die Datenlage in eine Richtung, die niemand untersucht hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Blutverdickung ist die relevanteste Nebenwirkung. Testosteron steigert die Bildung roter Blutkörperchen. Der Hämatokrit steigt bei einem erheblichen Teil der Männer an und gehört regelmäßig kontrolliert; bei kritischen Werten wird die Dosis angepasst, pausiert oder ein Aderlass erwogen.
  • Hodenverkleinerung und Einbruch der Spermienbildung. Vorhersehbar und bei bestehendem Kinderwunsch entscheidend. Vor Therapiebeginn ansprechen, dann gibt es Alternativen, die die Hormonachse anstoßen statt abschalten.
  • Herz-Kreislauf: TRAVERSE hat weitgehend entlastet. In der randomisierten Studie mit 5.246 Männern war die Therapie dem Placebo bei schweren kardiovaskulären Ereignissen nicht unterlegen. In Nebenbefunden traten Vorhofflimmern, Lungenembolien und akutes Nierenversagen jedoch häufiger auf.
  • Prostata: Kontrolle statt Verzicht. Dass Testosteron Prostatakrebs auslöst, ist so nicht belegt. Ein bestehendes, unbehandeltes Prostatakarzinom ist aber eine Gegenanzeige, und PSA-Kontrollen gehören zum Standard.
  • Gele können auf andere übergehen. Durch Hautkontakt kann Testosteron auf Partnerin oder Kinder übertragen werden, mit spürbaren Folgen. Hände waschen, Stelle abdecken, vor engem Kontakt abwaschen.

Häufige Fragen

Was ist die häufigste Nebenwirkung einer Testosterontherapie?

Der Anstieg des Hämatokrits, also die Verdickung des Blutes. Testosteron regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Deshalb gehört ein Blutbild vor Beginn und dann regelmäßig zur Kontrolle dazu; bei kritischen Werten wird die Dosis reduziert, das Präparat gewechselt, pausiert oder ein Aderlass erwogen.

Erhöht eine Testosterontherapie das Herzinfarktrisiko?

Nach der bislang größten randomisierten Studie dazu, TRAVERSE mit 5.246 Männern über im Mittel 22 Monate, war die Therapie dem Placebo bei schweren kardiovaskulären Ereignissen nicht unterlegen. Ein erhöhtes Infarkt- oder Schlaganfallrisiko ließ sich nicht nachweisen. In sekundären Auswertungen traten allerdings Vorhofflimmern, Lungenembolien und akutes Nierenversagen häufiger auf.

Verursacht Testosteron Prostatakrebs?

Das ist in dieser Pauschalität nicht belegt. Besteht jedoch bereits ein unbehandeltes Prostatakarzinom, kann Testosteron das Wachstum fördern, weshalb es eine Gegenanzeige darstellt. Deshalb gehören PSA-Bestimmung und Risikoeinschätzung vor Beginn sowie Kontrollen im Verlauf zum Standard.

Macht eine Testosterontherapie aggressiv?

Für Ersatzdosierungen ist das so nicht belegt. In Studien berichtet ein Teil der Behandelten über Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen. Die drastischen psychischen Effekte, die man aus dem Missbrauchsbereich kennt, beruhen auf um ein Vielfaches höheren Dosen und lassen sich nicht auf eine leitliniengerechte Therapie übertragen.

Werden die Hoden kleiner?

In der Regel ja. Die Zufuhr von außen schaltet über die Rückkopplung die eigene Produktion ab, den Hoden fehlen die Signale, und das Gewebe bildet sich zurück. Nach dem Absetzen ist das meist rückläufig, parallel zur wiederkehrenden Spermienproduktion.

Kann Testosterongel auf andere Personen übergehen?

Ja, durch Hautkontakt. Bei Kindern kann das zu vorzeitiger Behaarung und Wachstumsstörungen führen, bei Partnerinnen zu Akne und veränderter Behaarung. Hände nach dem Auftragen waschen, die Stelle nach dem Antrocknen bedecken und vor engem Hautkontakt abwaschen.

Welche Kontrollen sind während der Therapie nötig?

Vor Beginn Testosteronwert, Blutbild mit Hämatokrit, PSA und Prostata-Risikoeinschätzung sowie die Fragen nach Schlafapnoe und Kinderwunsch. Danach Kontrollen typischerweise nach drei bis sechs und nach zwölf Monaten, anschließend jährlich, jeweils mit Testosteronspiegel, Hämatokrit, PSA und der Frage, ob die Beschwerden tatsächlich besser geworden sind.

Kann eine Testosterontherapie Schlafapnoe verschlechtern?

Es gibt Hinweise darauf. Wer schnarcht, Atemaussetzer hat oder tagsüber ausgeprägt müde ist, sollte das vor Therapiebeginn abklären lassen. Eine unbehandelte Schlafapnoe senkt zudem selbst den Testosteronspiegel, sodass die Behandlung der Schlafapnoe manchmal der wirksamere erste Schritt ist.

Gelten diese Daten auch ohne nachgewiesenen Mangel?

Nein. Die vorliegenden Sicherheitsstudien wurden an Männern mit gesichertem Testosteronmangel und leitliniengerechter Einstellung durchgeführt. Für die Anwendung bei normalen Ausgangswerten, für hohe Dosierungen oder für Präparate aus dem Graumarkt gibt es keine vergleichbare Sicherheitsevidenz.

Quellen

Weiterlesen

Keine medizinische Beratung. Die Inhalte auf Testo-Journal dienen ausschließlich der Information. Konsultieren Sie immer Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, bevor Sie ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen oder bei anhaltenden Beschwerden. Siehe unseren vollständigen medizinischen Hinweis.